Warum Trauma es schwer macht, sich sicher zu fühlen – selbst wenn eigentlich alles in Ordnung ist
- Rebecca Rinnert
- 12. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Zu Beginn eines neuen Jahres halten viele Menschen inne.Von außen betrachtet wirkt das Leben stabil. Die akuten Krisen sind vorbei. Vielleicht gibt es mehr Ruhe, mehr Sicherheit, mehr Struktur.
Und trotzdem bleibt da dieses innere Gefühl von Unsicherheit.
Eine unterschwellige Anspannung.Ein ständiges Wachsein.Das Gefühl, innerlich nie ganz anzukommen.
Wenn du dich schon einmal gefragt hast: „Warum fühle ich mich immer noch unsicher, obwohl doch eigentlich alles gut ist?“, dann ist diese Erfahrung weder ungewöhnlich noch ein Zeichen von persönlichem Versagen.
Sie ist ein Hinweis auf dein Trauma-Nervensystem
Sich unsicher zu fühlen ist kein Denkproblem – sondern ein Thema des Nervensystems
Trauma speichert sich nicht primär in Gedanken oder Erinnerungen.Es speichert sich im Körper – im autonomen Nervensystem, in Reflexen, Spannungsmustern und unbewussten Schutzreaktionen.
Wenn ein Mensch traumatische Erfahrungen gemacht hat, besonders in Beziehungen oder über längere Zeiträume hinweg, lernt das Nervensystem: Sicherheit ist nicht verlässlich.
Auch wenn der Verstand heute erkennt, dass die Situation stabil ist, kann der Körper weiterhin auf Gefahr eingestellt sein.
Typische Gedanken oder Sätze sind dann:
„Ich kann mich einfach nicht entspannen.“
„Es gibt keinen Grund, aber ich fühle mich unsicher.“
„Sobald es ruhig wird, geht es mir schlechter.“
Das ist keine Schwäche. Es ist Überlebensbiologie.
Polyvagale Theorie und Trauma: Wie Sicherheit gelernt – oder verlernt – wird
Die polyvagale Theorie hilft zu verstehen, warum sich Sicherheit nach Trauma so schwer anfühlen kann.
Dein Nervensystem überprüft ständig unbewusst eine zentrale Frage:
Bin ich gerade sicher?
Dieser Vorgang heißt Neurozeption. Er läuft automatisch ab – ohne bewusste Kontrolle.
Die drei zentralen Zustände des Nervensystems
Ventral-vagaler Zustand (Sicherheit & Verbindung)Hier fühlen wir uns präsent, verbunden, neugierig, handlungsfähig.
Sympathikus (Kampf oder Flucht) Wenn Sicherheit fragil erscheint, aktiviert sich das System. Angst, innere Unruhe, Gedankenkreisen, Reizbarkeit entstehen.
Dorsal-vagaler Zustand (Freeze / Erstarrung) Wenn Gefahr überwältigend oder ausweglos erscheint, zieht sich das System zurück. Taubheit, Erschöpfung, Dissoziation oder Leere können auftreten. Dies wird oft als Nervensystem-Freeze erlebt.
Bei polyvagalem Trauma lernt das Nervensystem, dass Sicherheitssignale unzuverlässig sind. Selbst neutrale oder angenehme Situationen werden dann nicht als sicher registriert.
Trauma-Sicherheitssignale: Warum Ruhe sich bedrohlich anfühlen kann
Trauma-Sicherheitssignale: Warum Ruhe sich bedrohlich anfühlen kann
Ein häufiges, verwirrendes Trauma-Phänomen ist:
Je ruhiger das Leben wird, desto unsicherer fühlt sich der Körper.
Für viele Betroffene war Ruhe früher kein sicherer Zustand. Auf Phasen der Entspannung folgten Konflikte, Verlust oder Überforderung.
Das Nervensystem speichert diese Abfolge.
Die Folge:
Stille löst Anspannung aus
Entspannung fühlt sich „falsch“ an
Freude wirkt zerbrechlich
Innere Leere entsteht nach Stressphasen
Das bedeutet nicht, dass du nicht heilen willst.Es bedeutet, dass dein Nervensystem noch alte Trauma-Sicherheitssignale benutzt.
Alltägliche Beispiele, die viele Menschen wiedererkennen
Beispiel 1: Angst in guten Phasen
Alles läuft gut – und trotzdem entsteht innere Unruhe. Das System rechnet mit dem nächsten Einbruch.
Beispiel 2: Nicht abschalten können
Selbst im Urlaub oder am Wochenende bleibt Spannung. Ruhe fühlt sich unangenehm an.
Beispiel 3: Taubheit nach der Krise
Nach stressigen Zeiten tritt keine Erleichterung ein, sondern Leere oder Erschöpfung. Ein Zeichen von Nervensystem-Freeze.
Diese Reaktionen sind typische Ausdrucksformen eines dysregulierten Trauma-Nervensystems.
Warum positives Denken bei Trauma nicht ausreicht
Traumareaktionen entstehen unterhalb der bewussten Ebene.Deshalb helfen Affirmationen oder logische Argumente oft nicht.
Ein Nervensystem lässt sich nicht überzeugen.Es muss Sicherheit erleben.
Hier setzen somatische, körperbasierte Ansätze an.

3 sanfte somatische Schritte, um heute mehr Sicherheit zu spüren
Diese Schritte sind bewusst klein gehalten. Sie sollen das Nervensystem nicht überfordern, sondern langsam neue Erfahrungen ermöglichen.
1. Orientierung an neutralen Reizen
Schau dich langsam um und benenne drei neutrale Dinge, die du siehst.
Neutral ist für ein Trauma-Nervensystem oft zugänglicher als „alles ist gut“.
So entstehen neue, akzeptierbare Sicherheitssignale.
2. Mikro-Bewegung zulassen
Drücke sanft deine Füße in den Boden oder verlagere dein Gewicht minimal.
Trauma bindet Energie. Kleine Bewegungen signalisieren dem Körper: Ich habe Wahlmöglichkeiten.
Das unterstützt das Lösen von Nervensystem-Freeze.
3. Eine „okay-Empfindung“ wahrnehmen
Nicht angenehm. Nur okay.
Vielleicht die Unterstützung des Stuhls.Vielleicht Wärme in den Händen.
Das Nervensystem lernt, Sicherheit zu registrieren, ohne sie zu erzwingen.
Heilung bedeutet nicht, Sicherheit zu erzwingen – sondern sie neu zu lernen
Wenn du dich unsicher fühlst, obwohl dein Leben stabil ist, dann bedeutet das nicht, dass du rückschrittlich bist.
Es bedeutet, dass dein Nervensystem noch dabei ist, die Gegenwart von der Vergangenheit zu unterscheiden.
Mit Zeit, Geduld und trauma-informierter Begleitung kann Sicherheit wieder spürbar werden. Schritt für Schritt. Ohne Druck.
Mit dir ist nichts falsch.Dein Nervensystem hat dich geschützt.
Und es kann neu lernen.
FAQ
Warum fühle ich mich ohne Grund unsicher?
Ein Gefühl von Unsicherheit ohne klare Ursache hängt oft mit Trauma im Nervensystem zusammen. Der Körper reagiert auf frühere Erfahrungen, nicht auf die aktuelle Situation.
Wie beeinflusst Trauma das Nervensystem?
Trauma kann das Nervensystem dauerhaft in Überlebenszuständen wie Kampf, Flucht oder Erstarrung halten, wodurch Sicherheit schwer spürbar wird.
Was bedeutet Nervensystem-Freeze?
Freeze ist ein dorsaler vagaler Zustand, bei dem sich das System zurückzieht. Er zeigt sich oft als Taubheit, Erschöpfung oder innere Leere.
Hilft die polyvagale Theorie bei Trauma?
Ja. Polyvagale Trauma-Arbeit hilft, neue Sicherheitssignale im Körper aufzubauen und das Nervensystem aus chronischem Stress zu lösen.
Wie kann ich mich wieder sicher in meinem Körper fühlen?
Durch sanfte somatische Übungen, langsames Vorgehen und trauma-informierte Begleitung kann das Nervensystem Sicherheit neu lernen.



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