Neuroplastizität jenseits des Geistes: Wie der Körper sich nach Trauma neu verdrahtet
- Rebecca Rinnert
- 10. Nov.
- 3 Min. Lesezeit

Was bedeutet Neuroplastizität wirklich?
Der Begriff Neuroplastizität ist in den letzten Jahren zu einem der meistgesuchten Themen im Bereich der mentalen Gesundheit geworden. Meist wird er jedoch auf das Gehirn beschränkt – auf die Fähigkeit, neue neuronale Verbindungen zu schaffen, alte Muster zu lösen und zu lernen, anders zu denken.
Doch Neuroplastizität geht weit über den Geist hinaus.Sie betrifft den gesamten Körper, das autonome Nervensystem, die Muskulatur, die Organe – und letztlich jede Zelle, die auf Sicherheit oder Bedrohung reagiert.
Nach einem Trauma arbeitet der Körper nicht nur mit Erinnerungen, sondern auch mit gespeicherten Schutzreaktionen. Heilung bedeutet also nicht nur, Gedanken zu verändern, sondern auch die physiologischen Muster im Körper neu zu verknüpfen.
Wie Trauma den Körper prägt
Wenn ein Mensch ein Trauma erlebt – sei es ein Unfall, Missbrauch, Verlust oder chronischer Stress – schaltet der Körper in den Überlebensmodus. Das Nervensystem aktiviert Schutzmechanismen wie Kampf, Flucht, Erstarrung oder Kollaps.
Diese Reaktionen sind an sich überlebensnotwendig. Doch wenn sie nicht vollständig aufgelöst werden, bleiben sie im Körper gespeichert. Muskeln spannen sich dauerhaft an, Atmung und Verdauung verändern sich, der Schlafrhythmus wird unregelmäßig – der Körper bleibt „wachsam“.
In dieser Phase wird das Nervensystem überaktiv oder unteraktiv – es verliert die Flexibilität, zwischen Sicherheit und Gefahr zu unterscheiden.Das nennt man dysregulierte Neuroplastizität: Der Körper „lernt“ zu überleben, nicht zu leben.

Der Vagusnerv – die Hauptstraße der Heilung
Im Zentrum der körperlichen Neuverdrahtung steht der Vagusnerv – die Verbindung zwischen Gehirn, Herz, Lunge und Verdauungssystem.Er ist der Hauptkommunikationskanal zwischen Körper und Geist und spielt eine Schlüsselrolle bei der Regulierung von Sicherheit, Ruhe und Verbindung.
Wenn der Vagusnerv aktiviert wird, signalisiert er: „Ich bin sicher.“Der Herzschlag verlangsamt sich, die Atmung vertieft sich, die Verdauung arbeitet wieder, und soziale Bindung wird möglich.
Traumatherapeutische Ansätze wie Somatic Experiencing (SE) oder TRE (Tension & Trauma Releasing Exercises) nutzen gezielt diese Verbindung, um den Körper zu unterstützen, alte Schutzreaktionen zu entladen und neue neuronale Bahnen aufzubauen.
Wie der Körper sich neu verdrahtet – praktische Wege zur Regeneration
Die Neuroplastizität nach Trauma lässt sich nicht erzwingen – sie entsteht durch wiederholte, sichere Erfahrungen.Das bedeutet: Der Körper muss erleben, dass Sicherheit heute möglich ist.
1. Bewegung & Körperbewusstsein
Sanfte Bewegungen, Zittern (wie bei TRE), Yoga oder Tanz helfen, eingefrorene Energie zu lösen und das Nervensystem neu zu kalibrieren.
2. Atmung & Regulation
Langsame, bewusste Atmung aktiviert den ventralen Vagusnerv – der Teil, der für Ruhe, Verbindung und Mitgefühl steht.
3. Somatische Achtsamkeit
Somatische Übungen (wie in Somatic Experiencing) fördern das Spüren von Körperempfindungen, ohne sie zu bewerten.So kann der Körper neue neuronale Muster der Sicherheit aufbauen.
4. Verbindung & Mitgefühl
Echte, mitfühlende Beziehungen sind einer der stärksten Stimuli für Neuroplastizität. Wenn wir uns gesehen und sicher fühlen, lernt der Körper, wieder zu vertrauen.
Heimkommen im eigenen Körper
Trauma trennt – es trennt uns von uns selbst, von anderen und vom Gefühl der Lebendigkeit.Doch Neuroplastizität erinnert uns daran, dass Veränderung immer möglich ist – selbst auf Zellebene.
Wenn wir mit dem Körper arbeiten, ihm zuhören, ihn sanft bewegen und Sicherheit kultivieren, beginnen die Signale im Nervensystem sich zu verändern.Die Muster, die einst auf Angst reagierten, können auf Vertrauen, Ruhe und Verbindung umschalten.
Das ist keine rein mentale Veränderung – es ist eine körperliche Wiedergeburt.Heilung bedeutet, nach Hause zu kommen – in den eigenen Körper.

Nach Hause zum Körper kommen: Eine Roots-to-Safety-Perspektive
Bei Roots to Safety sehe ich oft, wie ein Trauma nicht nur das Denken von Menschen beeinflusst, sondern auch, wie du sich von innen fühlen. Das Nervensystem birgt mächtige Geschichten - von Schutz, Angst und Widerstandsfähigkeit - und wenn wir eher mit Neugier als mit Urteilsvermögen zuhören, beginnt der Körper wieder zu vertrauen.
Durch Modalitäten wie Somatic Experiencing (SE) und TRE unterstütze ich Klienten dabei, den natürlichen Rhythmus ihres Körpers sanft wiederzuerwachen - damit sich die Heilung nicht erzwungen, sondern organisch und selbstgeführt anfühlt.
Wenn Du neugierig sind, wie sich dein Körper nach einem Trauma neu verkabeln kann, kannst du hier mehr über meinen Ansatz erfahren:
Ihr Körper weiß bereits, wie man heilt - manchmal braucht er nur die richtigen Bedingungen, um sich daran zu erinnern.



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